Ergebnisse Chancenbarometer 6

Trendanalyse 2020-2025

Das Chancenbarometer untersucht seit dem Jahr 2020 die Entwicklung der Chancen und des Handlungsbedarfs in der Schweiz von verschiedenen Herausforderungen. Ebenfalls seit 2020 wird das Vertrauen in die Institutionen der Schweiz untersucht. Dieses ist nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau und das Vertrauen der Bevölkerung in die inneren Stärken der Schweiz sehr ausgeprägt. Die grössten Chancen erkennt die Bevölkerung im Bereich Energiebedarf, Energieversorgung. In der Skala von 0 («überhaupt keine Chancen») bis 5 («sehr grosse Chancen») liegt der Durchschnittswert bei 3,6. Dies zeigt, dass die Modernisierung und Erweiterung der inländischen Energieversorgung nicht nur als Notwendigkeit, sondern auch als Chance für die Schweiz wahrgenommen wird. An zweiter Stelle folgt die Digitalisierung mit einem Chancenwert von 3,5. Obwohl im medialen Diskurs vermehrt Befürchtungen in Bezug auf KI geäussert werden, sieht die Schweizer Bevölkerung hier durchaus ein positives Potenzial. In den meisten untersuchten Bereichen erkennt die Bevölkerung jedoch mehr Handlungsbedarf als Chancen.

Den grössten Handlungsbedarf nehmen die Befragten bei der Finanzierung des Gesundheitssystems wahr. Die mittlere Einschätzung der Befragten liegt bei 4,3 auf einer Skala von 0 («überhaupt kein Handlungsbedarf») bis 5 («äusserst grosser Handlungsbedarf»). Mit einem Wert von 4 folgt die Altersvorsorge vor der Energieversorgung (3,8). Die Energiethematik ist aus Sicht der Befragten gleichermassen Chance und Herausforderung. Wie der Zeitverlauf sichtbar macht, ist die Bevölkerung der Ansicht, dass der Handlungsbedarf in Bezug auf Klimaschutz und Energieversorgung in den letzten Jahren leicht abgenommen hat.

Eine Trendwende zeigt sich bei der Zuwanderungsfrage. Nachdem hier die gefühlte Dringlichkeit Jahr für Jahr zugenommen hatte, wird nun erstmals eine Abnahme sichtbar. Wieder mehr Handlungsbedarf wird dagegen bei den Beziehungen mit der EU, in Wirtschaftsfragen sowie bei der Digitalisierung gesehen. Diese Themenbereiche haben im vergangenen Jahr, das geprägt war von geopolitischen Umbrüchen, an Virulenz gewonnen. Weit mehr Chancen als im Vorjahr werden mit der Herausforderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts verbunden. Dieser Zusammenhalt ist zwar herausgefordert, wird aber von der Bevölkerung zugleich offenbar als Potenzial für die Schweiz gesehen.

Fehlende Verteidigungsfähigkeit – intakter Glaube an innere Stärken

Rund drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer sind der Ansicht, ihr Land sei schlecht gerüstet, um den Herausforderungen einer Welt im Umbruch zur begegnen. Zu diesen Herausforderungen gehören Migrations- und Fluchtbewegungen ebenso wie das Erstarken autokratisch regierter Staaten. Dazu gehören aber auch der politische Druck durch Grossmächte, Cyberangriffe sowie die Zunahme militärischer Konflikte.

Die Kernerkenntnis lautet jedoch: Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist der Ansicht, die Schweizer Armee sei nicht gerüstet, um einen konventionellen oder hybriden Angriff abzuwehren.

Siebzig Prozent gehen ausserdem davon aus, dass die Schweiz bereits heute ein Ziel von ausländischer Einflussnahme durch Desinformationskampagnen sei.

Sicherheitswahrnehmung in der Schweiz

Trotz dieses schlechten Zeugnisses fühlen sich über neunzig Prozent der Befragten in der Schweiz zumindest eher sicher. Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich damit erklären, dass die Schweizer Bevölkerung zwar an der Verteidigungsfähigkeit ihres Landes zweifelt, zugleich jedoch die wenigsten einen militärischen Angriff auf die Schweiz fürchten.

Das Sicherheitsgefühl wird, wenn schon, durch Kriminalität und Gewalt im Inneren eingetrübt, aber auch durch die befürchtete gesellschaftliche Spaltung. Darüber ist die Bevölkerung stärker besorgt als um die äussere Sicherheit. Innere Faktoren, wie der in der Schweiz funktionierende Rechtsstaat oder ihre politische Stabilität, tragen zugleich zur Stärkung des Sicherheitsgefühls bei. Die Neutralität dagegen ist für weniger als ein Viertel der Befragten ein wesentlicher Faktor für das eigene Sicherheitsgefühl. Dies alles zeigt: Die Schweiz schöpft ihre Resilienz weit weniger aus ihrer Fähigkeit, äusseren Herausforderungen zu begegnen als aus ihren inneren Stärken. So sehen die meisten die Schweiz zwar nicht genügend gerüstet für den Umgang mit Autokraten, fast drei Viertel der Befragten sind jedoch der Ansicht, dass die Schweizerische Demokratie widerstandsfähig gegenüber autoritären Tendenzen ist.

Mehr Kooperation mit Nachbarstaaten, EU und NATO

Die Schweizer Bevölkerung ist der Ansicht, dass sich das internationale Ansehen der Schweiz in vielerlei Hinsicht eher negativ als positiv verändert hat. Dies gilt insbesondere für die Schweizer Neutralität, deren Ansehen sich aus Sicht der Mehrheit verschlechtert hat. Die Bevölkerung ist zugleich gewillt, mehr Kooperation zu wagen. Über achtzig Prozent nehmen eine hohe Übereinstimmung der Grundwerte der Schweiz mit jenen Nord-, West- und Mitteleuropas wahr.

Diese Regionen gelten als die zuverlässigsten Handelspartner. Neben weiteren hochentwickelten kleineren und mittelgrossen Demokratien gehören auch China und Indien zu den Staaten, die aus Sicht der Befragten als Handlungspartner wichtiger geworden sind. Geht es um Fragen der Sicherheit, wird ein weit verbreitetes Bedürfnis nach mehr internationaler Zusammenarbeit sichtbar. Fast drei Viertel fordern eine stärkere Kooperation mit den Nachbarländern. Mehr als die Hälfte möchte eine stärkere sicherheitspolitische Kooperation mit der EU und der NATO. Die EU wird für die Mehrheit der Befragten nicht nur als wichtiger Handelspartner, sondern ebenso als Kooperationspartner in Sicherheitsfragen angesehen.

Allianz der Demokratien – flexible Neutralität

Die Schweizer Bevölkerung will raus aus dem Reduit. Mehr als zwei Drittel sprechen sich für die Bildung einer neuen Organisation der kleinen und mittelgrossen Demokratien aus. Auch die Anhängerschaft der nationalkonservativen SVP unterstützt zur Hälfte eine derartige Allianz.

Wenn es um den Umgang mit Grossmächten geht, wünscht sich eine Mehrheit der Befragten einzig eine stärkere Zusammenarbeit mit der EU. Mit Indien und China wünscht sich die Bevölkerung eine Zusammenarbeit auf gleichbleibendem Niveau. Eher weniger Zusammenarbeit wollen die Befragten mit den USA und Russland.

Drei von vier Befragten sind neuen Freihandelsabkommen gegenüber positiv eingestellt – jedoch nicht bedingungslos. Mindeststandards beim Schutz von Menschenrechten und Umwelt sollen eingehalten werden müssen.

Auslegung der Neutralität

Eine Mehrheit von 56 Prozent der Befragten ist der Ansicht, die Schweiz solle die Neutralität eher flexibel auslegen. Von einer flexiblen Auslegung der Neutralität erhofft sich eine Mehrheit die Möglichkeit zu einer verstärkten sicherheitspolitischen Kooperation mit den NATO-Staaten. Viele Befragte sehen zudem eine Verbesserung des internationalen Ansehens der Schweiz. Mehr Flexibilität und Realismus wünscht sich die Schweizer Bevölkerung in Bezug auf eigene Rüstungs- und Sicherheitstechnologien. 58 Prozent sind der Ansicht, dass die Schweiz politische Hindernisse reduzieren soll, um die eigene Rüstungsindustrie zu stärken. 80 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die Schweiz in Rüstungs- und Sicherheitstechnologien investieren soll, die auch zivil nutzbar sind. Rüstungs- und Sicherheitstechnologien werden als Impulsgeber für zivile Nutzungen angesehen.

Sechs Handlungsempfehlungen

Im Ergebnis zeigt die Studie eine erstaunlich realistisch-pragmatische Bevölkerung, die auf ihre Institutionen, innere Stärken und Partnerschaften vertraut. Daraus ergeben sich 6 Handlungsempfehlungen.

1
Strategische Partnerschaften und flexible Neutralität verbinden

Die Kooperation mit Nachbarländern, der EU und gleichgesinnten Demokratien ist gezielt auszubauen. Eine Mehrheit unterstützt eine Neutralität mit Spielraum. Neben Europa bieten sich vertiefte Partnerschaften etwa mit Kanada, Japan, Singapur oder Australien an. Ziel ist eine kooperationsbereite, souveräne Neutralität mit erweitertem Handlungsspielraum.

2
Aussenwirtschaft interessengeleitet und strategisch ausrichten

Freihandelsabkommen sichern Wohlstand und Resilienz der Schweiz. Umweltstandards und Menschenrechte bleiben dabei wichtige Kriterien. Priorität hat jedoch eine pragmatische, klar interessengeleitete Aussenwirtschaftspolitik, die wirtschaftliche Stabilität stärkt, Wirtschaftswachstum fördert, Risiken reduziert und einseitige Abhängigkeiten vermeidet.

3
Technologische Souveränität systematisch stärken

Investitionen in Rüstungs-, Sicherheits- und dual-use-Technologien stärken die Verteidigungsfähigkeit und Innovationskraft zugleich. Politische und regulatorische Hürden für Forschung, Entwicklung und Produktion sind zu überprüfen und gezielt abzubauen. Technologische Eigenständigkeit wird zunehmend zu einem Kernbestandteil nationaler Resilienz.

4
Verteidigungsfähigkeit glaubwürdig herstellen

Die Schweiz muss ihre Verteidigungsfähigkeit konsequent modernisieren – gegenüber konventionellen wie hybriden Bedrohungen. Unsere Souveränität ist eng mit der europäischen Sicherheit verknüpft. Dauerhaftes Trittbrettfahren werden unsere europäischen Nachbarn nicht akzeptieren – ebenso wenig wie die USA. Bis 2030 sollte das Armeebudget schrittweise in Richtung 2 % des BIP nach den Bedürfnissen der Armee erhöht werden.

5
Innere und äussere Sicherheit zusammendenken

Kriminalität, Gewalt, Cyberbedrohungen und geopolitischer Druck stehen nicht isoliert nebeneinander – sie beeinflussen das Sicherheitsgefühl im Innern und die Handlungsfähigkeit nach aussen. Innere und äussere Sicherheit müssen daher strategisch gemeinsam gedacht werden. Prävention und Rechtsdurchsetzung müssen sichtbar sein. Eine jährliche öffentliche Lagebeurteilung durch Bundesrat und Behörden stärkt Vertrauen und Orientierung.

6
Resilienz institutionell verankern

Resilienz umfasst Sicherheit, Rechtsstaat, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zur besseren Koordination strategischer Fragen sollte die Schweiz einen Nationalen Sicherheitsrat schaffen – im Einklang mit den Zielsetzungen der «Sicherheitspolitischen Strategie 2026» des Staatssekretariats für Sicherheit. So werden strategische Entscheidungen kohärenter, interdisziplinärer, vorausschauender und effizienter abgestimmt.

Studie

Über die Studie

Die Daten wurden zwischen dem 18. November und 15. Dezember 2025 erhoben. Die Grundgesamtheit der Befragung bildet die sprachlich integrierte Wohnbevölkerung der Deutschschweiz und der französisch- und italienischsprachigen Schweiz. Die Befragung erfolgte über das Online-Panel von Sotomo und Watson, sowie den Newsletter von Strategiedialog21. Nach Bereinigung und Kontrolle der Daten konnten die Angaben von 5’249 Personen für die Auswertung verwendet werden.

Da sich die Teilnehmenden der Umfrage selbst rekrutieren (opt-in), können Verzerrungen in der Zusammensetzung der Stichprobe auftreten. Es werden deshalb statistische Gewichtungsverfahren angewendet, damit die Stichprobe hinsichtlich zentraler soziodemographischer Merkmale der Bevölkerung entspricht. Folgende Merkmale wurden bei der Gewichtung berücksichtigt: Geschlecht, Alter, Bildung, politische Variablen (Abstimmungen und Parteipräferenz) und Sprachregion. Dieses Vorgehen gewährleistet eine hohe Repräsentativität der Wohnbevölkerung der Schweiz. Für die vorliegende Gesamtstichprobe beträgt das 95-Prozent-Konfidenzintervall (für 50-Prozent-Anteil) +/-1.4 Prozentpunkte.

Downloads Chancenbarometer 6

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