Der Fachkräftemangel und die Personenfreizügigkeit bewegen die Schweiz. Es besteht Handlungsbedarf. Wie packt ein Hidden Champion diese Herausforderung an? Welche Rahmenbedingungen setzt die Politik? Welche innovativen Ideen liegen in der Luft? Rund um diese Fragen und zum Arbeitsraum Schweiz luden wir mit Rolf Brunner (SD21 Ambassador Ostschweiz, Partner Continuum AG) gestern Abend zum Talk in die Ostschweiz. Unter der Leitung von Stephan Ziegler, Chefredaktor, LEADER Magazin, diskutierten Prof. Tina Freyburg, Leiterin Institut für Politologie, HSG, Jörg Müller, CEO Arcolor AG und Daniel Wiessner, Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit, Kanton Thurgau.  Ein spannender Abend mit reger Fragenbeteiligung vom sehr interessierten Publikum und authentischem und sachbezogenem Dialog.

Jörg Müller ist überzeugt, dass es jedes Unternehmen weitgehend in der eigenen Hand hat die besten Leute zu finden. Für ihn ist klar: Der Schlüssel, um Top-Fachkräfte zu gewinnen und zu halten ist eine exzellente Unternehmensreputation, die auf positiver Sichtbarkeit des Unternehmens beruht. Weiter gilt es sämtliche Netzwerke klug zu nutzen und innovative Ausbildungsprogramme anzubieten. Bereits für Lernende. Grosser Bedeutung schenkt er der internen Kommunikation. Es ist ihm wichtig, dass sich alle kennen. Arcolor setzt zudem auf ein akribisches Assessment bei der Personalauswahl. Soft Skills wie Lernfähigkeit, Innovationsbereitschaft und soziale Kompetenz sind Voraussetzung für eine Anstellung. Und man setzt auf ein internes Jobrotation System, das beliebt und bewährt ist.

Daniel Wiessner bestätigt, dass in der Ostschweiz viele sehr innovative meist inhabergeführte KMU‘S kreativ und erfolgreich tätig sind. Auch Branchen wie die Hotellerie und Gastronomie sind mit neuen, kreativen Arbeitsmodellen unterwegs.

Der Kanton Thurgau hat einen Campus für Berufslehre eingerichtet. Und im Kanton Appenzell finden regelmässig Lehrlingsausstellungen statt. Massnahmen, die dazu beitragen die Berufslehre wieder attraktiver zu machen.

Die Erwerbsquote in der Schweiz ist mit 80 Prozent hoch. Trotzdem stellt sich die Frage, wie man Leute, die nicht arbeitstätig sind, auf den Markt bringt. Der Druck auf die Unternehmen steigt. Es gilt Menschen mit Schutzstatus S und nichterwerbstätige Frauen in die Arbeitswelt zu integrieren.

Weiter sind Politik und Verwaltung angehalten die Rahmenbedingungen (Beispiel Heiratsstrafe oder bessere Bedingungen für ältere Arbeitnehmende) zu verbessern. In der Schweiz ist das Wohlstandsniveau nach wie vor hoch. Respektive ist der Leidensdruck für fundamentale Veränderung zu gering.

Zwischenfazit:

  • die bisherigen Trümpfe der Schweiz wie (Rechts-)Sicherheit und Verlässlichkeit sind abnehmend; die „Beerdigung“ des Rahmenvertrages ein wesentlicher Negativfaktor
  • aus unternehmerischer Sicht braucht es Planungssicherheit und Flexibilität damit der Arbeitsmarkt und die Fachkräftethematik besser funktionieren
  • die Bürokratisierung des Arbeitsmarktes ist fatal
  • das Zeitalter der Arbeitgeber ist vorbei

Aus politologischer Sicht bestätigt Tina Feyburg, dass wenn keine Lösung mit der EU gefunden wird, die Bilateralen erodieren und die Rahmenbedingungen sich schleichend weiter verschlechtern. Nichts dagegen unternehmen ist keine Lösung.

Sie erinnert an das starre System für akademische Karrieren. Länder wie Holland und Dänemark investieren erheblich in ihre Universitäten und bieten Professor:innen äussserst attraktive und familienkompatible Bedingungen an. Tina Freyburg plädiert für eine radikale Änderung der Laufbahn-Bedingungen für Hochschulkarrieren hierzulande. Die Schweiz verliere bereits jetzt massiv an Attraktivität und könne bei der Gewinnung von Top-Professor:innen international nicht mehr mithalten.

Zentral sind die jungen Menschen. Die Bereitschaft sich im Beruf zu engagieren ist auch bei ihnen hoch. Aber mit klaren Vorstellungen, was der Arbeitsplatz bieten muss: Tätigkeiten müssen sinnerfüllend sein; Umfeld und Bedingungen müssen stimmen, inklusive neuen Arbeitsmodellen.

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