Beim Lohn, in den Chefetagen der Firmen, bis vor kurzem im Parlament – an vielen Orten gibt es noch beträchtliche Unterschiede zwischen Frau und Mann. Aber heisst das zwingend, dass Frauen in unserem Land weniger Chancen haben als Männer?

„Hey, it’s 2019!“ Heute kann eine Frau in der Schweiz alles erreichen, was auch ein Mann erstreben kann. Die Zukunft gehört den Frauen. Das sagen die einen.

Die anderen sagen jedoch: Auch heute haben es Frauen schwerer, an die Spitze zu kommen. Ein Beispiel gefällig? Während die männlichen Schweizer Spitzenfussballer jedes Jahr Millionen verdienen, können Frauen vom Spitzenfussball in der Schweiz nicht einmal leben!

Am 10. Dezember 2019 trafen Pro und Contra aufeinander.

Es war am Vorabend der Bundesratswahl in der Grande Société de Berne keine «Nacht der langen Messer», aber ein packender Debattenabend zur Frage: Sind Frauen benachteiligt? . Dabei traten zwei Zweierteams rhetorisch gegeneinander an und versuchten, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Dies gelang den Verfechtern der liberalen Position, dass es keine Benachteiligung gebe, besser. Am Ende hat das Publikum entschieden: Frauen sind nicht benachteiligt. Wirklich nicht?


Die Debatte eröffnete Elisabeth Bronfen, Anglistikprofessorin an der Universität Zürich. Sie beschrieb die kleinen Schikanen und Benachteiligungen, die sie im Wissenschaftsbetrieb selbst erlebte. «Bei einer Sitzung wurde ich von einem männlichen Kollegen ständig unterbrochen. Umgekehrt passiert das nie!», erinnerte sich Bronfen.


Der Ökonom und Arbeitsmarktspezialist Marco Salvi von der Denkfabrik «Avenir Suisse» hielt dagegen: Frauen seien nicht grundsätzlich benachteiligt, sie könnten heute in der Arbeitswelt das Gleiche erreichen wie die Männer. Aber tatsächlich gebe es schon Bereiche, die nachteilig für Frauen seien. Als Beispiel nannte Salvi die Besteuerung als Ehepaar und plädierte für die Individualbesteuerung.


Einen überzeugenden Auftritt hatte auch Marisa Wunderlin, Assistenztrainerin der Schweizer Frauenfussballnationalmannschaft. Sie erzählte von den drastischen Unterschieden für weibliche und männliche Spitzenfussballer in der Schweiz: Während die Männer sehr gut verdienen und von einer optimalen Infrastruktur profitieren, können die Frauen nicht vom Fussball leben. Auch die Trainingsbedingungen seien ungenügend, so Wunderlin: «Ich rede gar nicht von den Millionen, die die Männer verdienen; aber gebt uns wenigstens einen ganzen Platz zum Trainieren!» Es könne doch nicht sein, dass die besten Fussballerinnen auf einem halben Feld trainieren müssten.


Den Schlusspunkt setzte die Unternehmerin Michèle Etienne, Partnerin der Firma Innopool AG. Sie berichtete von ihren Erfahrungen als Verwaltungsrätin verschiedener Unternehmen und schloss mit dem Satz: «Ich habe als Frau noch nie eine Diskriminierung erlebt!»


In der anschliessenden Diskussion konnte das Publikum seine Standpunkte einbringen und debattierte angeregt mit. In der abschliessenden Abstimmung zeigte sich, dass Michèle Etienne und Marco Salvi die Mehrheit des Publikums davon überzeugen konnten, dass Frauen nicht benachteiligt sind. Ein kräftiger Applaus war der Lohn für eine spannende Debatte.

Hier geht's zu den Resultaten der Publikumsbefragung.

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