Ein Coronavirus stellt gerade unsere Gesellschaft und damit unsere Wirtschaft auf den Kopf.

Eine Mutation im Virus führte vor einem Jahr dazu, dass es leichter von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Bei gewissen Altersgruppen führt diese Infektion nicht nur zu einer Erkältung, sondern zu einem lebensbedrohlichen Infekt, der nicht nur die Atemwege betrifft. Und um diese Personen zu schützen, sind wir gerade daran, eine Riesenhypothek auf unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft zu laden.

Politisch gesehen kann das sicher sinnvoll sein, sofern die Gesellschaft bereit ist, die durch die Massnahmen auferlegten Belastungen zu tragen. Die kausale Kette «Virus – Infektion – Schutz der Verletzlichen – Erhalt des funktionierenden Gesundheitswesens – Einschränkung der Bewegungsfreiheit – Einschränkung der Handelsfreiheit – Vernichtung von Teilen der Wirtschaft – Veränderung der wirtschaftlichen Landschaft – Anhäufen von Schulden – Veränderung der Gesellschaft» ist in dieser Länge schon komplex genug. JEDER und JEDE in unserer Gesellschaft ist durch ein Element dieser Kette von der COVID-Krise betroffen. Niemand kann sich ihr entziehen.

 

Der arbeitende Mensch in der Krise

Konzentrieren wir uns auf einen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Aspekt, den Homo laborans (Theodor Litt, 1948). Der arbeitende Mensch hat in den vergangenen zwölf Monaten verhältnismässig viele Veränderungen über sich ergehen lassen müssen; vom viel genannten Homeoffice mit dem damit verbundenen Konflikt von Privat- und Berufsleben, bis hin zum Entzug der Möglichkeiten zur Gestaltung der Freizeit. All diese Veränderungen stehen in krassem Gegensatz zum Verhalten von biologischen Organismen in einer Stresssituation. Unter Stress (ausserordentliche, lebensbedrohliche Situation) verhält sich der grösste Teil der Lebewesen still, kehrt sich nach innen, versucht sich so zu schützen und wartet bis sich die Umstände wieder normalisiert haben. Nicht so in der Corona-Krise. Hier erwartet man von den Mitarbeitenden die grösstmögliche Flexibilität. Ja, noch mehr, es wird erwartet, dass Selbstverantwortung und ganzheitliches Denken in Remote-Systemen (Online) übernommen und praktiziert wird.

 

Stillstand oder Agilität in der Krise?

Interessanterweise werden gerade jetzt unzählige Artikel über Agilität und agiles Führen publiziert; eine Voraussetzung zur Bewältigung oder eher ein Symptom der herrschenden Umstände? Im Grund der Dinge steht Agilität aktuell im Widerspruch zum instinktiven Verhalten in Krisensituationen. Wie vorhin beschrieben, ist der Verhaltensreflex in Krisenzeiten eher der Stillstand, das Stillhalten, der Schutz; keine Investitionen, keine Innovationen, kein Jobwechsel, keine Umorganisation, generell kein zusätzliches Risiko.

Viele Firmen, von den Folgen der Krise arg gebeutelt, halten sich still und warten auf die Aufhebung der diversen Massnahmen und Verordnungen. Es besteht nun die Gefahr, dass sich alle Firmen entlang einer Wertschöpfungskette ähnlich verhalten. Werden dann die COVID-Restriktionen einmal aufgehoben, dauert es eine ganze Weile, bis diese Wertschöpfungskette wieder in Gang kommt. Denn es wartet jeder auf den anderen: der Zulieferer auf seinen Abnehmer, die Verarbeiter auf ihre Kunden, die Kunden auf die Angebote. Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche Umgebung, die wir nach Corona antreffen werden, nicht mehr dieselbe wie vor Corona sein wird. So wird durch den Stillstand und das Warten wertvolle Zeit vergeudet. Das ist denn auch der Grund, weshalb Agilität bereits zu Krisenzeiten sehr wohl sinnvoll ist. Beginnen die in einer Wertschöpfungskette verbundenen Firmen bereits während der Krise mit der Erarbeitung von Lösungen, neuer Ausrichtung untereinander, so ist diese Wertschöpfungskette bei der Normalisierung schon bereit, das Business (Operations) wieder aufzunehmen. Um diesen Geist, diese Art zu denken in einer Firma zu leben, ist Agilität eine Voraussetzung.

Agilität, wenn auch in einem weiteren Sinne verstanden, wird das unternehmerische Verhalten in Zukunft prägen, ja sogar eine Voraussetzung für den Erfolg darstellen. Da sie im Widerspruch zum Verhalten in einer Krise steht, muss sie entsprechend in die Firmenkultur implementiert und realisiert werden.

 

Autor: Dr. Mathias Dick ist promovierter Biochemiker, erfahrener Businesslotse für KMU, kreativer Innovation Practitioner und geduldiger Coach & Mentor. Er ist Co-Owner der todai GmbH.

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