Marcel Berni |

6. Chancenbarometer - Expertenstimmen zum Thema Resilienz

 

Sicherheit lässt sich in einem föderalen Gemeinwesen nicht allein militärisch definieren. Für Marcel Berni, Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich bedeutet Resilienz die Fähigkeit, Schocks zu absorbieren und funktionsfähig zu bleiben – und dafür braucht es die Akzeptanz der Bürger. Im Gespräch beleuchtet er das Spannungsfeld zwischen Integration und Abgrenzung und zeigt auf, warum die Einbindung der Bevölkerung selbst zum Resilienzfaktor wird.

Was fasziniert Dich an der Schweiz?

«Die Schweiz muss man ihren eigenen Kräften überlassen.» Dieses Zitat des preussischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz trifft das Faszinosum Schweiz sehr präzise. Es handelt sich um ein Land inmitten Europas, das institutionell bewusst auf Distanz zu europäischen Integrationsprojekten ging. Damit ist die Schweiz über lange Etappen sehr erfolgreich gewesen. Daraus ergibt sich eine charakteristische strategische Kultur - das hat wohl schon Clausewitz zu erkennen geglaubt: Ein Land, das seit Langem an der Wehrpflicht, der Neutralität und dem Milizgedanken festhält. Ein Land, das sehr eigensinnig auf äusseren Druck und innere Provokationen reagiert. Und nicht zuletzt ein Land, das sich aufgrund der geographischen Lage, des Wohlstands und der politischen Stabilität häufig auch als Insel der Glückseligen begreift. Gleichwohl ist es dafür auf die Verflechtung mit dem Ausland angewiesen. Dieses Spannungsfeld zwischen Integration und Abgrenzung macht die Schweiz aus wissenschaftlicher Sicht besonders spannend.

Und was trägt aus Deiner Sicht das Chancenbarometer für diese Schweiz bei?

Das Chancenbarometer legt den Fokus auf aktuelle Themen und untersucht diese wissenschaftlich. Es schafft dabei Orientierung, indem es Erwartungen und Stimmungen sichtbar macht. Die breite Beteiligung stärkt die Aussagekraft, während die Auswertung eine faktenbasierte Grundlage für Debatten liefert. Damit trägt das Chancenbarometer dazu bei, den unsicheren Blick nach vorne zu schärfen.


Warum ist die Befragung der Bevölkerung zur Frage der Resilienz aus Deiner Sicht wichtig?

Aus strategischer Perspektive ist die Erhebung der gesellschaftlichen Resilienz von zentraler Bedeutung, weil Sicherheit nicht länger allein militärisch definiert werden kann. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, Schocks und Disruptionen zu absorbieren und trotzdem funktionsfähig zu bleiben. In einem föderalen, demokratischen Gemeinwesen hängt diese Fähigkeit in erheblichem Masse von der Bevölkerung selbst ab.

Eine Bevölkerungsbefragung erfüllt damit mehrere zentrale Funktionen. Sie schafft empirische Grundlagen für die Planung und ermöglicht es, Vulnerabilitäten zu identifizieren, zumal Resilienz in der Schweiz sozial wie regional ungleich verteilt sein dürfte. Zugleich stärkt sie die politische Legitimation, da Sicherheitspolitik in einem demokratischen System auf gesellschaftliche Akzeptanz angewiesen ist. Diese Einbindung der Bevölkerung fördert Transparenz und Partizipation und wirkt damit selbst als Resilienzfaktor.

Wie beurteilst Du die aktuelle Sicherheitslage für die Schweiz? Und wo siehst Du Handlungsbedarf für die Schweiz?

Die sicherheitspolitische Lage der Schweiz ist gegenwärtig ambivalent. Einerseits verfügt das Land über stabile Institutionen, hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und eine ausgesprochen gute Lebensqualität. Andererseits haben sich die Bedrohungsvektoren in den letzten Jahren verschoben und die Schweiz ist aktuell nur bedingt verteidigungsfähig.

Der Krieg gegen die Ukraine hat die europäische Sicherheitsordnung grundlegend erschüttert. Auch wenn die Schweiz militärisch nicht unmittelbar bedroht ist, wirken sich hybride Bedrohungen, Desinformation und wirtschaftlicher Druck auch auf die Eidgenossenschaft aus.

Aus meiner Sicht hat die Schweiz in mehreren Bereichen Handlungsbedarf. Dazu gehört die Wiederherstellung der zivilen und militärischen Verteidigungsfähigkeit sowie die gezielte Stärkung der Resilienz, insbesondere beim Schutz wichtiger Infrastrukturen und vor Bedrohungen aus der Luft. Ebenso wichtig ist der Ausbau der Cyberverteidigung und die Förderung digitaler Kompetenzen in der Bevölkerung. Schliesslich braucht es eine vertiefte internationale Zusammenarbeit, denn Neutralität bedeutet nicht Isolation, sondern auch die glaubwürdige Vorbereitung auf den Ernstfall.

Welchen Impact kannst Du zu diesen Themen als Dozent für strategische Studien an der ETH/MILAK bewirken?

Als Dozent für Strategische Studien liegt mein Einfluss vor allem in der Bildung. Ich vermittle strategisches und historisches Wissen und fördere die Fähigkeit, komplexe sicherheitspolitische Entwicklungen analytisch einzuordnen.

Zugleich verstehe ich Lehre und Forschung nach Wilhelm von Humboldt als untrennbar verbunden. Mit einem kleinen Team arbeiten wir an dringlichen Fragestellungen, deren Erkenntnisse in die Bildung einfliessen. Meine Vision ist es, damit das strategische Denken zu stärken und ihm wieder mehr Einfluss zu verleihen.

Marcel Berni ist Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich und im Advisory Board des Chancenbarometers.

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