Die Schweiz in einer Welt im Umbruch. Wie gewinnt sie an Resilienz und nutzt ihre Chancen?

 

Mit dem 6. Chancenbarometer (CB) weitet sich der Blick: Weg von innenpolitischen Debatten, hin zu globaler Verortung und strategischer Verantwortung. Unsere Studie will Orientierung bieten in einer Zeit, die zunehmend als unübersichtlich, risikobehaftet – und zugleich chancenreich empfunden wird.

Denn ob Neutralität, Europa, Sicherheit oder Wohlstand: Die Frage, was die Schweiz im Umbruch zusammenhält und zukunftsfähig macht, betrifft jede und jeden von uns. Sie entscheidet über Handlungsfähigkeit – nach innen wie nach aussen.

Das Meinungsforschungsinstitut Sotomo leitet die 6. Ausgabe. Dr. Sarah Bütikofer erklärt, warum wir diesen Fokus gesetzt haben, was es braucht, damit ein Fragebogen «ins Feld» kann oder wie ein Workshop zum Gelingen der Studie beiträgt. Und sie beantwortet auch, welche strategischen Impulse das CB liefern und wie ein Dialog über Wandel gelingen kann – ohne zu polarisieren.

 

Sarah Bütikofer, warum ist es zentral, gerade jetzt die Bevölkerung zum geopolitischen Wandel und seinen Auswirkungen zu befragen? Ist die Welt nicht in einem ständigen Umbruch?
Doch, die Welt verändert sich konstant, aber im Moment passiert in wenig Zeit enorm viel und wie man jüngst gesehen hat, kann es auch die Schweiz hart treffen. Der Zeitpunkt ist ideal, um der Bevölkerung den Puls zu fühlen, wie sie zu den grössten Herausforderungen der Gegenwart steht und wo sie inmitten aller Unberechenbarkeiten trotz allem vielleicht auch Chancen für die Schweiz ausmacht oder zumindest der Ansicht ist, allfällige Weichen müssten neu gestellt werden.

Wie wird sich die 6. Ausgabe von bisherigen unterscheiden? Was bleibt und was ist neu?
Das Chancenbarometer widmete sich bisher immer aktuellen gesellschaftspolitischen Themen von grosser Relevanz für das Vorankommen der Schweiz. In dieser Ausgabe wird der Fokus auf den aktuellen geopolitischen Wandel gelegt. Wir wollen wissen, wie sich die Schweizer Bevölkerung hinsichtlich der globalen Machtverschiebungen, internationalen Konflikten sowie der wirtschaftlichen wie demokratiepolitischen Umwälzungen positioniert und welche Ansprüche und Anforderungen sie an die Politik stellt.

Wir stehen am Beginn einer neuen Epoche, in der zentrale Werte der Nachkriegsgenerationen in Frage gestellt werden. Diese Entwicklungen betreffen die Schweiz ganz konkret, etwa in Bezug auf die Schweizerische Neutralität und den Standort der internationalen Organisationen, die Fragen rund um die Rüstungs- und Sicherheitspolitik, die Auswirkungen aktueller Unsicherheiten im Bereich Handel und Zölle, aber auch bezüglich Energie- und Umweltpolitik. Es ist daher zentral, die Haltungen, Einschätzungen und Prioritäten der Bevölkerung zu kennen, um daraus ableitend überzeugende Politiken ausarbeiten zu können.

Das sogenannte «Grundrauschen», bei dem die Befragten verschiedene Herausforderungen in Bezug auf den Handlungsbedarf und die Chancenpotenziale bewerten können, wird auch in der aktuellen Ausgabe weitergeführt, um den Vergleich über die Jahre hinweg fortzusetzen.

Ganz praktisch gefragt, wie entwickelt man eine solche Studie? Und wie kann sichergestellt werden, dass die Ergebnisse aussagekräftig und fundiert sind?
Die Themenfelder der Befragung und die konkreten Fragen leiten sich aus aktuellen Begebenheiten, aber auch aus bestehenden empirischen und theoretischen Studien ab.

Als wichtiges Element hat die LARIX Foundation/StrategieDialog21 im Vorfeld der Entwicklung des Fragebogens für das aktuelle Chancenbarometer einen Workshop mit einer hochkarätigen Expert:innenrunde durchgeführt. Rund zwanzig fachlich versierte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Diplomatie, Forschung, Verwaltung, Medien und Kultur teilten dabei ihre Einschätzungen in Bezug auf die brennendsten Fragen und wichtigsten Spannungsfelder.

Abgeleitet aus diesen fundierten Inputs hat das Projektteam von Sotomo anschliessend einen umfassenden, aber kurzweiligen Fragebogen erstellt.

Die Aussagekraft der Studie hängt zum einen von einer sorgfältigen Datenerhebung und einer statistisch fundierten Auswertung ab, zum anderen aber auch vom daraus entwickelten Narrativ.

Was sind konkrete Fragestellungen, die im Herbst «ins Feld» gehen?
Wir gehen dem Empfinden und der Wahrnehmung der Bevölkerung in Anbetracht der sich immer mehr abzeichnenden neuen Weltordnung auf den Grund. Wir fragen beispielsweise, wie man inmitten der weltpolitischen Stürme die eigene Resilienz, aber auch die der Schweiz stärkt. Braucht es etwa mehr Investitionen in die heimische Rüstungsindustrie? Wichtig scheint uns aber auch, der Frage nachzugehen, wie sich die demokratischen Grundwerte der Schweiz sichern lassen. Die Studie will nicht bloss Stimmungen einfangen, sondern politische und gesellschaftliche Gestaltungsräume sichtbar machen: jenseits von Polarisierung, jenseits der Wahlkampfrhetorik.

An wen richtet sich der Fragebogen und kann jede und jeder mitmachen?
Grundsätzlich ist die Befragung repräsentativ und erfasst die Meinung der Schweizer Bevölkerung. Die Befragung wird über das Panel von Sotomo gemacht. Dort sind mittlerweile rund 100'000 Personen registriert, die sich regelmässig zu aktuellen politischen Fragen äussern können. Wir gehen davon aus, dass die Thematik auf grosses Interesse stossen wird und die angeschriebenen Personen motiviert sein werden, teilzunehmen. Gleichzeitig aktivieren wir zur Teilnahme via Medienpartner.

Und an wen richten sich die Ergebnisse?
Die Resultate sollen Denkanstösse liefern und Entscheidungsträger:innen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien und Kultur erreichen. Wie auch in der Vergangenheit soll aber auch die breite Öffentlichkeit angesprochen werden – nicht zuletzt auch deswegen legt man beim Chancenbarometer grossen Wert auf ansprechende Darstellungen und schöne Visualisierungen in den Publikationen. Das Chancenbarometer will schliesslich der Schweizer Bevölkerung auf anschauliche Art vermitteln, wo das Potenzial für positive Veränderungen liegt und was die Schweiz als Land damit gewinnen kann.  

Welche bisher kaum sichtbaren Stimmungen, Spannungen oder Potenziale hoffen Sie durch das CB zu erfassen?
Sorgen und Herausforderungen der aktuellen Umbrüche werden zwar breit thematisiert, wir wollen aber ganz konkret herausspüren, welche Chancen die Schweizer Bevölkerung in den Veränderungen sieht und wo sie die Schweiz positionieren will. Natürlich hoffen wir, dabei auch neue Erkenntnisse zu gewinnen, die bisher vielleicht nicht oder nicht so deutlich formuliert werden konnten.

Gibt es Aspekte gesellschaftlicher Resilienz, die bisher systematisch unterschätzt wurden – und die das CB messen kann?
Ja. Häufig werden in Debatten über gesellschaftliche Resilienz softe Faktoren unterschätzt, dabei sind Vertrauen in Institutionen, das Gefühl von Verlässlichkeit untereinander und miteinander sowie die Bereitschaft, «out of the box» zu denken, zentrale Pfeiler für den Erfolg einer entwickelten Gesellschaft. Das Chancenbarometer kann diese Aspekte sichtbar machen.

Welche strategischen Impulse erwarten Sie sich aus den Ergebnissen des CB für die politische Arbeit oder Planung?
Das Chancenbarometer wagt auch unbequeme Fragen und lotet aus, wo aus Sicht der Bevölkerung Möglichkeiten zur Veränderung bestehen. Mit diesem Wissen können Politik und Verwaltung motiviert werden, Themen anzupacken und Reformvorschläge so gestalten, dass sie auf einer breiten gesellschaftlichen Basis stehen.

Was kann das CB zur Positionierung der Schweiz im internationalen Gefüge konkret beitragen?
Das Chancenbarometer will ganz klar den Fokus auf die Chancen statt nur auf Probleme und Herausforderungen richten. Wir gehen den Fragen nach einer möglichen Neuausrichtung der Neutralität nach oder der Integration der Schweiz in bestehende Wertegemeinschaften.

Und wie kann das CB helfen, einen gesellschaftlichen Dialog über Wandel zu ermöglichen, der nicht von Polarisierung dominiert ist?
Das Chancenbarometer liefert Fakten und Zahlen, aber auch verständliche Darstellungen. Das Markenzeichen des Chancenbarometers sind spannende Schlüsse aus den gewonnenen Erkenntnissen, die kein Empörungspotenzial beinhalten, sondern immer eine konstruktive Perspektive einnehmen, auch wenn dies möglicherweise im aktuellen Kontext mehr Mut als auch schon benötigt.

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