Die Welt befindet sich im Umbruch – und die Schweizer Bevölkerung zieht daraus klare Schlüsse. Das 6. Chancenbarometer zeichnet das Bild einer chancenorientierten Schweiz: Resilienz entsteht nicht im Réduit, sondern durch Kooperation, wirtschaftliche Offenheit und Investitionen in die Sicherheit. Dabei betonen die Schweizerinnen und Schweizer die Werte-Nähe zu Europa. Gleichzeitig wächst die Skepsis gegenüber der eigenen Abwehrfähigkeit. Drei Viertel der Befragten bezweifeln, dass die Schweiz militärisch ausreichend auf konventionelle oder hybride Bedrohungen vorbereitet ist.
Das 6. Chancenbarometer liefert vielschichtige Erkenntnisse zur Stimmungslage und zu den Erwartungen der Schweizer Bevölkerung. Es zeigt ein klares Bild: Die Schweizer Bevölkerung vertraut auf ihre demokratischen Institutionen. Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass viele Menschen die Verwundbarkeiten des Landes klar erkennen. Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität gelten nicht mehr als Selbstläufer. Eine starre Auslegung der Neutralität wird hinterfragt. Die politische und gesellschaftliche Nähe zu Europa wird deutlich betont.
«Als Unternehmer und Staatsbürger ist mir eine hohe Resilienz der Schweiz eine Herzensangelegenheit. Nur so kann die Schweiz wirtschaftlich erfolgreich bleiben und ihren Wohlstand langfristig sichern. Das Chancenbarometer zeigt: Resilienz entsteht nicht durch Rückzug, sondern durch kluge Kooperation, wirtschaftliche Offenheit und Investitionen in unsere Sicherheit», meint Jobst Wagner, Initiant des StrategieDialog21, welcher das 6. Chancenbarometer herausgibt.
Strikte Neutralität wird hinterfragt
58% sehen einen Imageverlust der Schweizer Neutralität. Mehr als zwei Drittel wünschen sich eine stärkere sicherheitspolitische Kooperation mit den europäischen Nachbarländern. Auch eine engere Zusammenarbeit mit der NATO findet mehrheitlich Unterstützung. Gleichzeitig befürwortet eine Mehrheit Neutralität mit mehr Spielraum – nicht als Abkehr von ihr, sondern als Anpassung an veränderte geopolitische Realitäten.
Werte-Nähe zu Europa wird betont
Über 80% der Bevölkerung sehen eine hohe Übereinstimmung mit Nord-, West- und Mitteleuropa – über die politischen Lager hinweg. Ausserhalb Europas kommt einzig Australien auf einen Wert über 50%. Für Nordamerika liegt die Zustimmung bemerkenswerterweise unter 50%. China oder Russland haben gar Werte unter 10%. Die Bevölkerung erkennt, dass die Souveränität der Schweiz eng mit der Stabilität Europas verknüpft ist.
Zweifel an Verteidigungsfähigkeit
Der sicherheitspolitische Handlungsdruck ist deutlich. Drei Viertel trauen der Armee nicht zu, einen konventionellen Angriff abzuwehren. 80% sehen die Schweiz hybriden Bedrohungen weitgehend schutzlos ausgesetzt. Dauerhaftes Trittbrettfahren bei der Sicherheit wird weder von europäischen Partnern noch von den USA akzeptiert werden. Eine Mehrheit spricht sich dafür aus, das Armeebudget bis 2030 schrittweise auf mindestens 2% des BIP zu erhöhen. Ebenso gross ist die Unterstützung für Investitionen in Rüstungs- und Dual-Use-Technologien.
Studienleiter Michael Hermann von Sotomo bringt die Spannung auf den Punkt: «Die Bevölkerung sieht klare Defizite in der Verteidigungsfähigkeit der Schweiz, zugleich vertraut sie weiterhin auf die Stabilität der demokratischen Ordnung. Die inneren Stärken kompensieren einen Teil der äusseren Sorgen, wobei sie diese möglicherweise auch kaschieren».
Die Schweizer Bevölkerung denkt chancenorientiert
Das Chancenbarometer zeigt kein Land in der Krise. Es zeigt ein Land, das seine Lage nüchtern beurteilt. Seit 2020 werden in fast allen Themenfeldern der Politik mehr Handlungsbedarfe als Chancen ausgemacht - besonders ausgeprägt nun in der Sicherheitspolitik. Gleichzeitig bleibt das Vertrauen in Bildungssystem, Gesundheitsinfrastruktur und Rechtsstaat stabil oder steigt leicht.
Die zentrale Botschaft des 6. Chancenbarometers, das sich auf über 5'200 Teilnehmende abstützen kann, ist klar: Die Schweizer Bevölkerung weiss um die veränderte Weltlage. Sie verlangt keine Symbolpolitik, sondern strukturelle Anpassungen. Dazu gehören eine glaubwürdige Modernisierung der Verteidigungsfähigkeit, eine Stärkung der technologischen Souveränität, eine strategisch ausgerichtete Aussenwirtschaft sowie die institutionelle Verankerung sicherheitspolitischer Koordination – etwa durch einen Nationalen Sicherheitsrat im Sinne der «Sicherheitspolitischen Strategie 2026».
Die Studie, herausgegeben vom StrategieDialog21, durchgeführt von Sotomo, ist damit ein Weckruf – aber kein Alarmismus. Sie ist Ausdruck eines gewachsenen Verantwortungsbewusstseins. Die Bevölkerung ist bereit, die notwendigen Schritte mitzutragen. Nun liegt es an der Politik, diese Erwartung aufzunehmen und umzusetzen.
«Die Schweizer Bevölkerung fühlt sich in dieser Umbruchzeit der europäischen Wertegemeinschaft verbunden. Sie fordert einen Realismus fernab jeglicher Nostalgie», sagt Michael Hermann, Gründer Sotomo.