Martin Hirzel |

6. Chancenbarometer - Expertenstimmen zum Thema Resilienz

 

Die Weltwirtschaft ist deutlich rauer geworden. Die Grossmächte setzen wieder auf geopolitische Machtpolitik – und Protektionsmus macht sich breit. Die Schweiz sollte nicht in falsche Versuchung geraten, sondern an ihren Stärken festhalten: offene Märkte, Innovationskraft und ein international vernetzter Werkplatz. Eine resiliente Schweiz entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch wirtschaftliche Offenheit und Wettbewerbsfähigkeit.

Das stabile politische System, der liberale Arbeitsmarkt und ein regelbasierter Welthandel haben die Schweiz über Jahrzehnte stark gemacht. Doch diese Gewissheiten sind unter Druck geraten. Lieferketten werden geopolitisch instrumentalisiert, grosse Wirtschaftsräume setzen wieder auf Subventionen, Industriepolitik und Protektionismus. Für ein kleines, exportorientiertes Land ist das eine neue Realität.

Wir müssen unseren Stärken treu bleiben. Wer glaubt, man könne den Werkplatz Schweiz durch Abschottung oder Industriepolitik schützen, verkennt die Grundlagen unseres Wohlstands. Für die Schweiz entsteht Widerstandsfähigkeit nicht hinter Mauern und Schutz – sondern durch offene Märkte, technologische Stärke und internationale Vernetzung.

Resilienz heisst nicht Autarkie

Für die Schweiz bedeutet Widerstandsfähigkeit nicht Selbstversorgung, sondern Offenheit. Die Tech-Industrie erwirtschaftet rund 80 Prozent ihres Umsatzes im Export. Unser Wohlstand beruht massgeblich auf Unternehmen, die in hochspezialisierten Nischen global führend sind.

Resilienz im 21. Jahrhundert hat für die Schweiz drei Pfeiler: technologische Führungsfähigkeit, ein möglichst freien Zugang zu internationalen Märkten und sicherheitspolitische Glaubwürdigkeit und sicherheitspolitische Robustheit.

Verteidigungsindustrie und Technologie sind ein Garant für unsere Sicherheit

Sicherheit ist die Grundlage eines funktionierenden Wirtschaftsstandorts. Eine glaubwürdige Verteidigung setzt eine leistungsfähige Sicherheits- und Technologiebasis im Inland voraus. Unsere Verteidigungsindustrie ist deshalb kein Randthema, sondern Teil der strategischen Infrastruktur des Werkplatzes.

Doch der Schweizer Heimmarkt ist zu klein, um die Entwicklung und Produktion anspruchsvoller Technologien allein zu ermöglichen. Die Branche kann nur bestehen, wenn sie exportiert und international kooperiert. Die heutige, enorm restriktive Exportregeln gefährden dies. Eine Anpassung des Kriegsmaterialgesetzes ist deshalb auch eine Frage der sicherheitspolitischen Glaubwürdigkeit: Nur so sind unsere Partner- und Nachbarstaaten wie Deutschland wieder bereit, Schweizer Verteidigungsgüter zu kaufen. Die Gesetzesrevision, über die wir wegen eines Referendums im Herbst wohl abstimmen, schafft klare Regeln und ist ein unverzichtbarer Beitrag für eine sichere Schweiz.

Offene Märkte sind die Lebensader des Werkplatzes

Die Schweiz ist eine der offensten Volkswirtschaften der Welt. Freihandel ist deshalb eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Freihandelsabkommen erleichtern den Marktzugang durch Beseitigung von Zöllen sowie regulatorischen Hürden und sichern damit die Wettbewerbsfähigkeit des Werkplatzes Schweiz.

Gerade in einer Zeit wachsender Blockbildung muss die Schweiz ihre wirtschaftliche Offenheit aktiv verteidigen. Dazu gehört massgeblich ein stabiles Verhältnis zu unserem wichtigsten Handelspartner mit den Bilateralen III: Mehr als die Hälfte der Exporte der Tech-Industrie gehen in die EU. Genauso braucht es neue Abkommen mit dynamisch wachsenden Märkten.

Eine starke und vernetzte Schweiz macht sich unverzichtbar

Resilienz bedeutet nicht Rückzug, sondern Stärke. Eine Schweiz, die auf Innovation setzt, Freihandel verteidigt und ihre sicherheitspolitische Glaubwürdigkeit stärkt, wird auch in einer unruhigen Welt bestehen. Nicht, weil sie sich von ihr abkoppelt, sondern weil sie für sie unverzichtbar bleibt.

Martin Hirzel ist Präsident von Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie.

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