Nicole Barandun |

6. Chancenbarometer - Expertenstimmen zum Thema Resilienz

 

Die internationale Ordnung ist ins Wanken geraten. Krieg in Europa, globale Machtverschiebungen, Angriffe im digitalen Raum sowie fragile Liefer- und Energiesysteme betreffen die Schweiz direkter als noch vor wenigen Jahren. Nationalrätin Nicole Barandun (Die Mitte/ZH) fordert deshalb eine Sicherheitspolitik, die umfassend ansetzt – und die Resilienz der Schweiz ins Zentrum stellt.



Wie kam es, dass Du Dich als Nationalrätin für die Sicherheitspolitik zu interessieren begannst? Was hat Dich dazu persönlich motiviert?

Sicherheit hat mich schon lange beschäftigt, aber in den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, wie verletzlich unser Land ist. Plötzlich sind Themen wie Krieg in Europa, Stromversorgung, Cyberangriffe oder Lieferketten nicht mehr Theorie, sondern können unseren Alltag direkt treffen.

Resilienz und Versorgungssicherheit habe ich nicht erst im Parlament kennengelernt, sie waren bereits in meiner Funktion als Präsidentin des Gewerbeverbands Zürich zentrale Themen. Dort habe ich erlebt, wie stark kleine und mittlere Unternehmen darauf angewiesen sind, dass Lieferketten funktionieren, dass Energie verfügbar bleibt und dass Betriebe in Krisen möglichst schnell wieder arbeiten können. Diese Perspektive nehme ich heute bewusst in die nationale Sicherheitspolitik mit.

Mich motiviert vor allem eines: Ich will, dass wir vorbereitet sind – bevor es brennt. Sicherheit ist für mich natürlich die Ausrüstung unserer Armee, aber nicht nur. Sie umfasst Bevölkerungsschutz, kritische Infrastrukturen, digitale Sicherheit und eine gute Zusammenarbeit innerhalb der Schweiz und mit unseren Nachbarländern. Mir ist wichtig, dass wir nicht nur auf Krisen reagieren, sondern frühzeitig handeln.

Warum findest Du die Chancenbarometer‑Befragung der Bevölkerung mit Schwerpunktthema Resilienz wichtig?

Die neue sicherheitspolitische Strategie des Bundesrats stellt die Stärkung der gesamtgesellschaftlichen Resilienz ganz an den Anfang der sicherheitspolitischen Stossrichtungen. Resilienz ist aber nicht nur ein Fachwort. Sie betrifft jede und jeden. Das Chancenbarometer ist wichtig, weil es die Bevölkerung direkt zu ihren Sorgen, Hoffnungen und Prioritäten befragt und damit sichtbar macht, was den Menschen im Land wirklich unter den Nägeln brennt.

Entscheidend finde ich, dass man nicht bei der Problemdiagnose stehen bleibt, sondern nach Chancen und Lösungen sucht. Wir brauchen eine Kultur, die nicht nur Risiken benennt, sondern Wege zeigt, wie wir als Gesellschaft widerstandsfähiger werden – im Alltag, in der Wirtschaft und in unseren Institutionen.

Wie beurteilst Du die aktuelle sicherheitspolitische Lage der Schweiz?

Die sicherheitspolitische Lage ist sehr anspruchsvoll geworden. Die Schweiz ist keine Insel der Glückseligen im Sturm, den die Weltordnung erfasst hat. Wir haben es mit mehreren Risiken gleichzeitig zu tun: internationale Spannungen, Abhängigkeiten bei Energie und Versorgung, Naturgefahren sowie Angriffe im digitalen Raum. Krisen können sich heute schneller auf die Schweiz auswirken als früher.

Gleichzeitig haben wir starke Grundlagen: ein bewährtes Bevölkerungsschutzsystem, klare Zuständigkeiten zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden sowie ein hohes Vertrauen in unsere Institutionen. Die Aufgabe ist nun, diese Stärken zu modernisieren und auf neue Bedrohungen auszurichten – insbesondere, aber nicht nur, beim Schutz wichtiger Infrastrukturen und in der digitalen Welt.

Was muss zur Steigerung der Resilienz getan werden und welches sind die wichtigsten Handlungsfelder?

Aus meiner Sicht sind vor allem folgende Punkte zentral:

  • Wichtige Infrastrukturen schützen: Energie, Kommunikation, Gesundheit, Wasser und Verkehr müssen im Krisenfall funktionieren oder rasch wieder anlaufen können.
  • Cyber- und Informationssicherheit stärken: Wir brauchen besser geschützte Systeme, klare Abläufe bei Vorfällen und mehr Grundwissen zur digitalen Sicherheit – in Behörden, Unternehmen und bei Privatpersonen.
  • Vorbereitung in der Bevölkerung fördern: Resilienz beginnt zu Hause. Wer weiss, was im Ernstfall zu tun ist und gewisse Vorsorge getroffen hat, entlastet die Systeme und hilft anderen.
  • Direkte Demokratie und freie Meinungsbildung schützen: Unser System lebt davon, dass sich Bürgerinnen und Bürger frei, faktenbasiert und ohne verdeckte Beeinflussung eine eigene Meinung bilden können – deshalb braucht es starke, unabhängige Medien und wirksame Grenzen gegen Desinformation und Manipulationsversuche.
  • Klare Regeln schaffen: Neue Technologien und neue Risiken brauchen einen zeitgemässen Rechtsrahmen. Das schafft Verlässlichkeit – auch im Krisenfall.

Welchen Beitrag für eine resiliente und erfolgreiche Schweiz der Zukunft kannst Du als Mitglied der SiK und Nationalrätin leisten?

In der Sicherheitspolitischen Kommission und im Nationalrat kann ich dafür sorgen, dass Resilienz nicht ein Modewort bleibt, sondern sich in Gesetzen, Strategien und Budgets niederschlägt. Es geht darum, Prioritäten zu setzen, Lücken zu schliessen und Mittel dort einzusetzen, wo sie die Sicherheit und Handlungsfähigkeit der Schweiz wirklich stärken.

Wichtig ist mir auch die Rolle als Brückenbauerin: zwischen Sicherheitsbehörden und Wirtschaft, zwischen Bund und Kantonen und zwischen Fachleuten und Bevölkerung. Mein Ziel ist eine Sicherheitspolitik, die klar benennt, was zu tun ist, die Verteidigungsfähigkeit stärkt, die Neutralität realistisch verortet – und die Schweiz so resilient macht, dass sie auch in einer unruhigen Welt selbstbewusst ihren Weg gehen kann.

Nicole Barandun ist Nationalrätin (Die Mitte) für den Kanton Zürich und Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats.

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